Im aktuellen SPIEGEL ist zu lesen, dass Amazon mit seinem elektronischen Lesegerät
„Kindle“ („entzünden“) ein Überraschungserfolg gelungen sei. Branchenexperten gehen von 500.000 verkauften Stück aus, was in der Tat sehr viel wäre. Kommt nach all den bisherigen, vergeblichen Versuchen, das E-Book zu etablieren, jetzt auf den Buchmarkt eine ähnliche Revolution zu, wie sie die Musikindustrie bereits hinter sich hat?
Dafür spricht, dass immer mehr Verlage sehr ernsthafte Schritte in Richtung elektronischer Bücher unternehmen. Bei Fachbüchern ist dies schon länger üblich, aber gerade hat auch
Droemer-Knaur als erster Belletristik-Verlag angekündigt, mittelfristig sein gesamtes Programm in elektronischer Form zugänglich zu machen. Ein mutiger Schritt für einen Verlag, denn der Buchhandel dürfte diese Ankündigung kaum mit Begeisterung aufnehmen.
Das fast völlige Verschwinden der physischen Distribution von Musik in Form von CDs scheint in der Tat ein düsteres Omen für den Handel mit Büchern zu sein. Werden am Ende nur einige wenige Online-Händler überleben? Wird Amazon im Buchmarkt dieselbe Rolle spielen wie Apple in der Musik?
Skepsis ist angebracht. Im Unterschied zu Büchern war für das Hören von aufgezeichneter Musik schon immer ein elektrisches Gerät notwendig. Die Digitalisierung ist hier nur ein Wandel im Aufzeichnungsstandard, der Download von MP3-Dateien nur die konsequente Weiterentwicklung immer besserer Übertragungsmedien. Und immerhin gab es das Radio als drahtlosen Musikübertragungskanal lange, bevor es MP3 gab.
Bücher dagegen sind fast so alt wie die menschliche Kultur. Sie haben ein haptisches und dekoratives Element, das weit über eine CD-Hülle hinaus geht, und so gut der Kindle und seine Nachfolger technisch auch sein mögen, die Lesbarkeit und Handhabbarkeit bedruckten Papiers können sie bestenfalls imitieren, aber nie erreichen. Da die meisten Menschen ein Buch erst zu lesen beginnen, wenn sie das vorige abgeschlossen haben, kommt auch der Transportfähigkeit tausender Titel „in der Westentasche“, die so wichtig für die Musik ist, zumindest in der Belletristik nur geringe Bedeutung zu.
Andererseits zeigt der stetige Rückgang der Hardcover, dass viele Menschen durchaus bereit sind, zugunsten eines günstigen Preises auf haptische und optische Werte zu verzichten. Und die Herstellkosten eines Buches mit 400 Seiten sowie die physische Bereitstellung im Buchladen machen einen wesentlichen Teil des Endverkaufspreises aus – eine Halbierung des Preises etwa für die elektronische Version eines Taschenbuchs scheint da durchaus machbar.
Kein Zweifel, dem Buchmarkt steht ein Flächenbrand bevor. Die sich jetzt schon deutlich abzeichnende Konzentrationswelle wird noch drastisch zunehmen. Elektronische Bücher werden einen wichtigen Anteil des Fach-, Sach- und vermutlich irgendwann auch des Schulbuchmarkts ausmachen und damit dem Buchhändler um die Ecke einen großen Teil seines Geschäfts wegnehmen.
Kulturpessimismus ist dennoch nicht angesagt. Gerade Amazon und Apple beweisen, dass elektronische Distribution die Vielfalt des Angebots eher erhöht als verringert. Das „Long Tail“-Prinzip besagt, dass im Internet ein großer Teil des Gewinns gerade auch mit Kleinstmengen gemacht werden kann. Die Möglichkeiten des „Book on Demand“ zeigen ja jetzt schon, dass die Hürden, ein eigenes Buch herauszubringen, deutlich gesunken sind.
In Zukunft wird es für uns Autoren noch wichtiger sein, eine starke „Marke“ aufzubauen, die in allen Kommunikationskanälen präsent ist. Und Verlage und Buchhändler werden lernen müssen, von Anfang an die ganze Klaviatur des Multikanal-Marketings zu spielen, wenn sie nicht die Fehler der großen Musiklabels wiederholen wollen. Droemer-Knaur ist da auf dem richtigen Weg.
Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass man auch in hundert Jahren noch Bücher aus Papier lesen wird. Es fühlt sich einfach besser an.
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