Freeman Dyson auf dem Holzweg?
Er ist einer der größten und wichtigsten Denker unserer Zeit. Freeman Dyson des Irrtums zu bezichtigen ist, gelinde gesagt, kühn. Doch nachdem ich einen Artikel von ihm in Auszügen in der Welt und dann im Original vollständig gelesen habe, fühle ich mich bemüßigt, einen Kommentar dazu abzugeben.
In seinem Artikel postuliert Dysen unter Bezug auf den Biologen Woese, es gäbe eine "Prä-Darwin-Ära", in der Evolution zwischen einzelnen Spezies nicht stattgefunden habe, sondern Gene "horizontal" ausgetauscht worden seien. Christian Heller prägt in seinem Blog futur:plom dafür den schönen Begriff "Open Source Ursuppe". Dann, eines "bösen" Tages, wollte plötzlich eine einzelne Zelle nicht mehr teilen, und die vertikale Evolution, so wie sie Darwin verstand, begann. Dies führte laut Dyson zu einer deutlichen Verlangsamung der Entwicklung. Doch nun scheint endlich Besserung in Sicht: Dank der kulturellen Evolution und Biotechnologie sei nun die darwinsche Evolution quasi außer Kraft gesetzt, und der freie Austausch von Genen zwischen den Spezies sei wieder möglich, womit wir in den "guten" Zustand des horizontalen Genaustauschs zurückkehrten.
Der Artikel zeigt, wie sehr der Gedanke der Evolution heute immer noch missverstanden wird, selbst von brillanten Denkern. Es mag sein, dass Darwin ein eingeschränktes Verständnis der Evolution hatte, als er davon ausging, dass diese nur auf der Ebene der Spezies stattfinde. Doch spätestens Richard Dawkins hat in "The Selfish Gene" und vor allem in "The Extended Phenotype" deutlich gemacht, dass die Betrachtung einzelner Spezies oder Individuen viel zu eng ist, wenn man Evolution verstehen will.
Evolution findet IMMER statt, wenn etwas kopiert wird, dabei Mutationen auftreten und diese Mutationen eine unterschiedliche Wahrscheinlichkeit haben, erneut kopiert zu werden. Das ist ein simpler mathematischer Zusammenhang, der sich leicht beweisen lässt. Daraus folgt, dass Evolution - in welchem Sinne auch immer - begann, als zum ersten Mal sich selbst replizierende Moleküle auftraten.
In der Ursuppe muss der Verdrängungskampf zwischen diesen Molekülen viel heftiger getobt haben als heute, denn es gab keine Barrieren für die Ausbreitung. Ein wildes, ungeordnetes Schlachtgetümmel hat wahrscheinlich die ersten Jahrmillionen des Lebens bestimmt. Nichts könnte falscher sein als die naive Vorstellung eines freien, offenen Austauschs von Genen zum Wohle aller, wie sie der Open Source-Analogie zugrunde liegt.
Die "Erfindung" der Zelle, die dann laut Dyson die Darwinsche Evolution einletete, kann vielleicht mit dem Bau von Stadtmauern in der Antike verglichen werden: Nun wurden der hemmungslosen Ausbreitung einzelner Gene plötzlich Grenzen gesetzt. Ordnung trat ein, die Schlacht wurde ruhiger, strukturierter. Diese Art der Stabilität mag tatsächlich die Veränderungsgeschwindigkeit gebremst haben, so wie Schützengräben und Festungswälle kriegerische Auseinandersetzungen in die Länge ziehen. Aber sie war auch die Voraussetzung für die nächsten Stufen der Evolution, die Dyson korrekt beschreibt. In einem wichtigen Punkt irrt er allerdings: Die Evolution war nie auf eine Intra-Spezies-Entwicklung beschränkt, wie Dawkins am komplexen Zusammenspiel unterschiedlichster Lebensformen sehr klar aufgezeigt hat.
Es ist richtig, dass die kulturelle Evolution und besonders die Biotechnologie den Austausch von Genen zwischen Spezies ermöglichen und sich damit die Evolution der Lebewesen noch einmal drastisch beschleunigt. Darin allerdings einen positiven Effekt zu sehen und zu glauben, dass damit quasi der "Kampf zwischen den Spezies ums Überleben", wie Darwin ihn beschrieb, aufhört, ist aus meiner Sicht äußerst naiv. Im Gegenteil wird immer deutlicher, dass die Sache vollständig außer Kontrolle gerät.
Dyson träumt von Biotechnologie-Experimentierkästen für Kinder, mit denen diese ihre eigenen Spezies züchten können. Er erwähnt zwar auch in einem Nebensatz mögliche Gefahren. Aber die - möglicherweise durchaus realistsiche - Vorstellung, dass jedermann mit Genen herum panschen kann, treibt mir kalte Schauer über den Rücken. Denn im Unterschied zum Chemiebaukasten, mit dem ich als Kind herum gepantscht habe, könnten sich die Ergebnisse solcher Experimente von selbst vermehren!
Die Biotechnologie beschleunigt die Evolution dramatisch und führt uns vielleicht tatsächlich zurück zu einer "horizontalen" Evolution, bei der die Grenzen der Spezies immer weniger wichtig werden. Doch bedeutet dies, dass der Kampf der Gene weniger heftig geführt wird? Ich meine, keineswegs. Im Gegenteil müssen wir uns darauf einstellen, dass die Härte und Geschwindigkeit dieser ewigen Schlacht dramatisch zunehmen - mit Konsequenzen, die unsere größten Denker nicht einmal ansatzweise erahnen können.
In seinem Artikel postuliert Dysen unter Bezug auf den Biologen Woese, es gäbe eine "Prä-Darwin-Ära", in der Evolution zwischen einzelnen Spezies nicht stattgefunden habe, sondern Gene "horizontal" ausgetauscht worden seien. Christian Heller prägt in seinem Blog futur:plom dafür den schönen Begriff "Open Source Ursuppe". Dann, eines "bösen" Tages, wollte plötzlich eine einzelne Zelle nicht mehr teilen, und die vertikale Evolution, so wie sie Darwin verstand, begann. Dies führte laut Dyson zu einer deutlichen Verlangsamung der Entwicklung. Doch nun scheint endlich Besserung in Sicht: Dank der kulturellen Evolution und Biotechnologie sei nun die darwinsche Evolution quasi außer Kraft gesetzt, und der freie Austausch von Genen zwischen den Spezies sei wieder möglich, womit wir in den "guten" Zustand des horizontalen Genaustauschs zurückkehrten.
Der Artikel zeigt, wie sehr der Gedanke der Evolution heute immer noch missverstanden wird, selbst von brillanten Denkern. Es mag sein, dass Darwin ein eingeschränktes Verständnis der Evolution hatte, als er davon ausging, dass diese nur auf der Ebene der Spezies stattfinde. Doch spätestens Richard Dawkins hat in "The Selfish Gene" und vor allem in "The Extended Phenotype" deutlich gemacht, dass die Betrachtung einzelner Spezies oder Individuen viel zu eng ist, wenn man Evolution verstehen will.
Evolution findet IMMER statt, wenn etwas kopiert wird, dabei Mutationen auftreten und diese Mutationen eine unterschiedliche Wahrscheinlichkeit haben, erneut kopiert zu werden. Das ist ein simpler mathematischer Zusammenhang, der sich leicht beweisen lässt. Daraus folgt, dass Evolution - in welchem Sinne auch immer - begann, als zum ersten Mal sich selbst replizierende Moleküle auftraten.
In der Ursuppe muss der Verdrängungskampf zwischen diesen Molekülen viel heftiger getobt haben als heute, denn es gab keine Barrieren für die Ausbreitung. Ein wildes, ungeordnetes Schlachtgetümmel hat wahrscheinlich die ersten Jahrmillionen des Lebens bestimmt. Nichts könnte falscher sein als die naive Vorstellung eines freien, offenen Austauschs von Genen zum Wohle aller, wie sie der Open Source-Analogie zugrunde liegt.
Die "Erfindung" der Zelle, die dann laut Dyson die Darwinsche Evolution einletete, kann vielleicht mit dem Bau von Stadtmauern in der Antike verglichen werden: Nun wurden der hemmungslosen Ausbreitung einzelner Gene plötzlich Grenzen gesetzt. Ordnung trat ein, die Schlacht wurde ruhiger, strukturierter. Diese Art der Stabilität mag tatsächlich die Veränderungsgeschwindigkeit gebremst haben, so wie Schützengräben und Festungswälle kriegerische Auseinandersetzungen in die Länge ziehen. Aber sie war auch die Voraussetzung für die nächsten Stufen der Evolution, die Dyson korrekt beschreibt. In einem wichtigen Punkt irrt er allerdings: Die Evolution war nie auf eine Intra-Spezies-Entwicklung beschränkt, wie Dawkins am komplexen Zusammenspiel unterschiedlichster Lebensformen sehr klar aufgezeigt hat.
Es ist richtig, dass die kulturelle Evolution und besonders die Biotechnologie den Austausch von Genen zwischen Spezies ermöglichen und sich damit die Evolution der Lebewesen noch einmal drastisch beschleunigt. Darin allerdings einen positiven Effekt zu sehen und zu glauben, dass damit quasi der "Kampf zwischen den Spezies ums Überleben", wie Darwin ihn beschrieb, aufhört, ist aus meiner Sicht äußerst naiv. Im Gegenteil wird immer deutlicher, dass die Sache vollständig außer Kontrolle gerät.
Dyson träumt von Biotechnologie-Experimentierkästen für Kinder, mit denen diese ihre eigenen Spezies züchten können. Er erwähnt zwar auch in einem Nebensatz mögliche Gefahren. Aber die - möglicherweise durchaus realistsiche - Vorstellung, dass jedermann mit Genen herum panschen kann, treibt mir kalte Schauer über den Rücken. Denn im Unterschied zum Chemiebaukasten, mit dem ich als Kind herum gepantscht habe, könnten sich die Ergebnisse solcher Experimente von selbst vermehren!
Die Biotechnologie beschleunigt die Evolution dramatisch und führt uns vielleicht tatsächlich zurück zu einer "horizontalen" Evolution, bei der die Grenzen der Spezies immer weniger wichtig werden. Doch bedeutet dies, dass der Kampf der Gene weniger heftig geführt wird? Ich meine, keineswegs. Im Gegenteil müssen wir uns darauf einstellen, dass die Härte und Geschwindigkeit dieser ewigen Schlacht dramatisch zunehmen - mit Konsequenzen, die unsere größten Denker nicht einmal ansatzweise erahnen können.
Karl Olsberg - 4. Aug, 08:15
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